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Gemeinsam wachsen

Kerstin Schwäbisch, Leiterin des Kinderschutzhauses, im Interview über die Hilfsmöglichkeiten der Einrichtung

In welchen Situationen entscheiden sich Eltern für die vorübergehende Unterbringung ihres Sprösslings im KinderschutzHaus?

Im Idealfall stellen Eltern selbst fest, dass sie überfordert sind und Hilfe benötigen. Wenn Eltern extrem belastet sind und sich außer Stande fühlen, für ihre Kinder zu sorgen, muss dringend gehandelt werden. Bei drohender Verwahrlosung und bereits gescheiterten ambulanten Hilfsversuchen können wir helfen. Doch auch Paarkrisen, Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie Streit und Gewalt können Gründe sein, sich für eine Unterbringung des Kindes zu entscheiden. Oft wird diese vorübergehende Lösung von beiden Seiten als entspannend und klärend empfunden. 

Wie gehen Sie vor, wenn Eltern mit dem Gedanken spielen, ihr Kind im KinderschutzHaus zu beherbergen?

Nach Möglichkeit laden wir die Eltern zum gemeinsamen Vorgespräch ein. Wir zeigen ihnen das Haus und erklären die Arbeitsweisen unserer Einrichtung. Die Eltern bekommen ausreichend Zeit, um ihre Entscheidung zu überdenken. In dringenden Fällen werden Kinder auch sofort aufgenommen.

Was sind die Ziele und Leitgedanken dieser Einrichtung?

Unser Hauptziel ist es, die Kinder wieder mit ihren Familien zusammenzuführen oder wenigstens die Situation zu verbessern. Ehrlichkeit und ein enges Zusammenspiel mit den Eltern sind sehr wichtig. Nur so können wir Vertrauen zueinander finden und neue Lösungswege gemeinsam erarbeiten.
Die Eltern sollen nicht das Gefühl bekommen, ihr Kind hier zu verlieren, sondern es wieder zu gewinnen. Wir möchten gemeinsam Ressourcen stärken, Perspektiven entwickeln und gegenseitiges Verständnis fördern.

Und wie erklären sie den Kindern die Situation?

Auch ihnen zeigen wir zuerst das Haus. Wir erklären, dass sie einige Monate hier bleiben können, bis ein Weg für ein besseres Miteinander gefunden wird. Jeder darf und soll dazu beitragen – auch die Kinder. Oft hilft schon die Gewissheit, unter Gleichgesinnten zu wohnen, deren Familien ähnliche Schwierigkeiten haben. Die Kinder können sich austauschen und helfen sich spielerisch untereinander. Das gemeinsame Schicksal verbindet. Auch das Kind wird mit seinen Wünschen für die Zukunft im Familiengespräch mit einbezogen. Uns liegt am Herzen, ihm zu vermitteln, dass wir ehrlich zu ihm sind und mit seinen Eltern zusammenarbeiten. Jeweils ein Pädagoge begleitet für die gesamte Zeit ein Kind.

Bieten Sie Familientherapien an?

Ja, in unserem Haus arbeiten eine Diplom-Psychologin sowie eine Diplom-Heilpädagogin. Beide sind auch Familientherapeutinnen und bieten regelmäßige Beratungs- und Klärungsgespräche an. Diese können sehr vielseitig ablaufen und richten sich nach den Bedürfnissen unserer Klienten.

Wie werden die Kinder tagsüber und in der Nacht betreut? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?

Die Tagesabläufe sind sehr strukturiert. Nach der Schule wird gemeinsam gegessen und sich um die Schulaufgaben gekümmert. Für genug Freiraum und Rückzugsmöglichkeiten ist gesorgt. Die Zimmereinteilung richtet sich nach Geschlecht und Alter. Die Kinder halten sich jedoch meist ungern allein in den Räumen auf. Tagsüber sind jeweils zwei und nachts eine der sieben PädagogInnen für die Betreuung zuständig.

Was ist hier nicht erlaubt? Gibt es Hausregeln?

Die Regeln in diesem Haus sind eindeutig festgelegt. Um eine einheitliche Erziehung zu gewährleisten, richten sich alle PädagogInnen danach. Doch auch für die Kinder gibt es Regeln. Aller Anfang ist immer schwer. Im Laufe der Zeit gewöhnen sich jedoch alle daran und manche äußern sogar den Wunsch, einige dieser Festlegungen auf zu Hause zu übertragen. Besondere Freizeitwünsche oder Besuche werden mit BetreuerInnen abgesprochen. Die Klarheit, was erlaubt ist und was nicht, ist wie ein roter Faden, an dem sich die jungen Menschen orientieren können. Sie gibt ihnen Sicherheit. Zu Hause wurden Grenzen oft durch Gewalt oder Geschrei festgelegt. Hier lernen sie, dass es auch anders geht.

Wie ist der Weg zur Schule geregelt?

Wir möchten, dass die Kinder an ihren Schulen bleiben. Ein Wechsel sollte möglichst nicht stattfinden. Der Kontakt zu MitschülerInnen und LehrerInnen ist sehr wichtig. In den ersten Tagen üben PädagogInnen gemeinsam mit den größeren Kindern den öffentlichen Anfahrtsweg zur Schule. Die Jüngeren begleitet unser Zivildienstleistender. Wenn dieser ausgelastet ist, bestellen wir einen persönlichen Fahrdienst.

Vermitteln Sie KlientInnen anschließend auch an andere Einrichtungen und beratende Anlaufstellen?

Ja, wir bieten weitere Hilfsmöglichkeiten an. Auch Anschlusshilfe durch Pflegefamilien oder stationäre Einrichtungen können eine künftige Lösung bieten. Die Eltern müssen wissen, dass sie für ihre Kinder wichtig und unersetzbar sind. Dabei ist nicht die Häufigkeit des Zusammenseins wichtig, sondern die Intensität. Gemeinsam wird mit den Eltern und dem Kind entschieden, wie es im beiderseitigen Sinne weitergehen kann. Manchmal kommen Kinder und Eltern noch mal vorbei, um sich zu bedanken oder einfach um „Hallo“ zu sagen. Das freut uns natürlich sehr. (ck)

Die Reportage zum KinderschutzHaus finden Sie hier.

Hier erfahren Sie, ob wir momentan neue Kinder aufnehmen können.