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KinderschutzZentrum

Helfen statt Verurteilen

Interview mit Kirstin Dawin und Michael Schwarz, den Leitern der Therapiegruppe für sexuell deviante Jugendliche

Was sind sexuelle Übergriffe?

Wir verstehen darunter jede Einbeziehung eines Kindes in eine sexuelle Aktivität, die gegen seinen Willen durchgeführt wird oder zu der das Kind auf Grund seines Entwicklungsstandes gar kein wissentliches Einverständnis geben kann. Auch für den jugendlichen Täter geht es um die Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse und um die Herstellung von Beziehungsmacht. Meist werden sexuelle Übergriffe nicht durch Gewalt erzwungen. Vielmehr werden Kinder allmählich und durch Manipulation dazu gebracht, den sexuellen Wünschen der Jugendlichen oder Erwachsenen nachzugeben. Oft stehen diese Kinder unter einem großen Druck, der es ihnen sehr schwer macht, sich mit diesem „bösen Geheimnis“ jemandem anzuvertrauen.

Bei sexuellen Übergriffen denken viele an Vergewaltigung – es beginnt aber schon viel früher. Es geht beispielsweise um unangemessene Berührungen, um sexuell aufgeladene Nähe, um das Zeigen von pornografischen Bildern oder um das Aufnehmen von Kindern in pornografischen Posen.

Gibt es den typischen jugendlichen Täter? Woran erkennt man ihn?

Viele Jugendliche, die durch sexuelle Grenzverletzungen auffällig werden, haben in ihrer Biografie mangelnde Bindung, Beziehungsabbrüche, Vernachlässigung, Gewalt sowie ein Fehlen verlässlicher Strukturen und elterlicher Präsenz erlebt. Auf Grund dieser Erfahrungen sind sie zugleich selbst gefährdet und gefährdend für andere. Ihre Haltlosigkeit, ihre Ängste, ihr Alleinsein und ihre Sehnsucht führen häufig zu Beziehungsgestaltungen, in denen Schwächere dazu missbraucht werden, die eigene Ohnmacht zu kaschieren.

Warum gibt es extra eine Gruppe für Jungen?

Rund 20 Prozent des sexuellen Missbrauchs an Kindern wird von Jugendlichen begangen. Es gab in München viele Anfragen nach geeigneter Unterstützung für diese Jugendlichen und keine Hilfeangebote. Wir haben deshalb im Jahr 2001 ein Konzept für die therapeutische Gruppenarbeit mit diesen so genannten sexuell devianten Jugendlichen entwickelt und bieten seitdem kontinuierlich Gruppen an.

Wie helfen Sie den Jugendlichen?

Wir bieten ihnen eine 18 Monate dauernde Gruppentherapie an. Dabei nehmen wir ihr Delikt ernst und halten sie in ihren Ambivalenzen, ob sie sich nun Hilfe holen wollen oder nicht. Wir sind für sie da und bieten ihnen eine verlässliche Beziehung an, die es den Jugendlichen ermöglicht, sich mit dem eigenen Delikt und mit der Perspektive des Opfers auseinanderzusetzen, sich den eigenen Ohnmachterfahrungen zuzuwenden und eigene Wünsche einzugestehen. Die Übernahme der Verantwortung für das eigene Tun steht im Zentrum der Gruppenarbeit. Bei Jugendlichen, denen dies gelingt, steigt die Chance, dass sie in ihrem Leben etwas zum Positiven verändern können. Begleitend zur Gruppentherapie ist die Arbeit mit den Eltern oder den Einrichtungen, in denen die Jugendlichen leben, eine wichtige Voraussetzung dafür, Veränderungsprozesse in der Familie hilfreich zu unterstützen. (ed)